Interressante, zufällig ausgewählte Kartoffelgeschichten aus dem Wesertal zum Durchklicken!
Informationen aus einer früheren Museums-Ausstellung
Die Heimat des Kartoffelanbaus
Die Heimat der Kartoffeln sind die Andenhochebenen Südamerikas. In Gebieten, in denen der Mais aus klimatischen Gründen nicht mehr gedeiht, wurden sie bereits vor mehr als 500 Jahren von den Inkavölkern kultiviert. Die Kartoffel ist eine Kälteempfindliche Staudenpflanze, die zur Familie der Nachtschattengewächse gehört. Sie gedeiht am besten auf lockeren, sandigen Böden. Ihre kantigen Stängel tragen rauhaarige, gefiederte Blätter und weiße oder rot-blau-violette Blüten. Ihre grünen Beerenfrüchte sind ungenießbar und für den Menschen giftig. Die blattlosen Erdtriebe der Kartoffel bilden an ihren Enden stärkereiche Knollen. Man unterscheidet frühe (90-120 Tage), mittlere (120-150 Tage) und späte (150-180 Tage) Kartoffelsorten. Die spanischen Konquistadoren brachten die Knollenfrüchte im 16. Jahrhundert nach Europa, wo sie zunächst als Zier- und Heilpflanzen in den Botanischen Gärten einiger Fürsten angebaut wurden. Parallel zu den Spaniern führten um 1564 englische Seefahrer Kartoffeln aus Chile ein. Fürsten, Botaniker und Heilkundige reichten zwischen 1585 und 1600 Kartoffelpflanzen als große Kostbarkeiten einander weiter. Von der indianischen „Zuckerwurtz“ erhofften sie sich unter anderem ein Mittel gegen die weitverbreitete Schwindsucht und sogar eine „Stärkung der ehelichen Werken“. Aus England wurde die neue Kulturpflanze am braunschweigischen Hof eingeführt, um 1660 blühte sie auch in Hannover. In Staaten wie Preußen, Hannover, Braunschweig und Hessen-Cassel war die Kartoffel um 1750 bereits eine weit verbreitete Gartenfrucht. Fürsten wie der preußische König Friedrich II. und der Braunschweiger Herzog Karl I. Erwarben sich besondere Verdienste um die Einführung der Erdäpfel. In Boffzen wurden „Tartüffeln“ um 1756 erwähnt, in Bollensen 1760, in Uslar 1762. im Jahre 1787 notierte das „Holzmindische Wochenblatt“, dass die Kartoffeln „die tägliche Speise des Bürgers und des Ackermanns“ sein. Die Ernten fielen allerdings zunächst bescheiden aus. Um 1800 waren Kartoffeln oft nicht größer als Walnüsse. Trotzdem konnten die Bewohner der Weserdörfer allmählich darauf verzichten, Brotkorn im fruchtbaren Leinetal zu kaufen.
Die Mühen der Kartoffelernte
In Lippoldsberg bauten nicht nur Landwirte, sondern auch Handwerker, Kaufleute, Beamte und Arbeiter früher ihre eigenen Kartoffeln an, die sie zusammen mit Verwandten und Freunden ernteten. Eine vierköpfige Familie musste mindestens zwölf Zentner Kartoffeln ernten, um über den langen Winter zu kommen. Nachdem sie den Acker gedüngt hatten, zogen die Bauern mit dem Häufelpflug die Reihen, in die sie die Kartoffeln in einem Abstand von ca. 60 cm legten. Anschließend pflügten sie „Pflänzer“ zu. Bevor die Kartoffeln ausschlagen, wurden sie gedüngt. Wenn die Pflanzen nach etwa acht Wochen aufgegangen waren, mussten sie gehackt werden. Im 20. Jahrhundert bekämpfte man das Unkraut teilweise mit Kalkstickstoff, der die kleineren Kräuter verbrannte. Etwa im Juni musste zweimal angehäufelt werden. Wenn das Kraut abstarb, waren die Knollen reif. Die Kartoffelernte begann in Lippoldsberg meistens im September. Setzten die größeren Höfe bereits um 1900 Haspeln ein, so rodeten viele Nebenerwerbslandwirte bis weit in die 1950er Jahre hinein mit Zwehlhacke oder der Gräpe. Bevor Maschinen zum Einsatz kamen rechnete man pro Hektar Kartoffelland mit ca. 400 Stunden Handarbeit. Erst durch den Einsatz von Hack- und Häufelpflügen sowie Kartoffelhaspeln konnten die Landwirte ihren Arbeitsaufwand eindämmen. Für die Kartoffelernte waren lange Zeit vor allem Frauen und Kinder zuständig. Obwohl das Auflesen der Kartoffeln eine sehr mühsame Arbeit war, hatte die Ernte oft auch einen geselligen Charakter. So lange die Erdäpfel mit der Hand gerodet wurden, konnten die Menschen ihren Arbeitsrhythmus selbst bestimmen. Abends wärmten sie sich an den Krautfeuern, in denen sie frische Kartoffeln garten. Im 19. Jahrhundert feierten viele Sollinger das Ende der Kartoffelernte mit kleinen Festen. In den 1960er Jahren kamen die ersten „Vollernter“ und Legemaschinen auf den Markt. In Lippoldsberg und in seinen Nachbardörfern kauften früher viele Familien ihre Landmaschinen bei Heinrich Wicke, der am Nordrand des Ortes im Neuendorf zeitweilig eine kleine Eisengießerei und Maschinenfabrik betrieb. Ein ähnliches Unternehmen hatte seinen Sitz in Hardegsen.
Kartoffelgerichte aus Mutters Küche und Arme-Leute-Essen
Viele Lippoldsberger Familien bauten bis in die jüngste Vergangenheit hinein auf einigen Morgen Land Brotgetreide und Kartoffeln an. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die Kartoffel zwar ihre Vorrangstellung für die Ernährung der Menschen behaupten, ihr Verzehr ist jedoch allmählich zurückgegangen. Aß der deutsche Durchschnittsverbraucher um 1950 noch etwa 182 kg Kartoffeln im Jahr, so waren es fünfzig Jahre später nur noch 70 kg. Der Speiseplan bot wenig Abwechslung. Unter der Woche kam meist „Durcheinander“ auf den Tisch: Eintopfgerichte deren Hauptbestandteil gewürfelte Kartoffeln sowie Erbsen, Bohnen, Linsen oder Steckrüben waren. An diese Suppen gab man angebratenen Speck oder eingekochtes bzw. gepökeltes Fleisch. Kartoffelpuffer mit Heidelbeeren, Bratkartoffeln mit Rührei, Kartoffelwaffeln, Matzen, Pieker oder Kartoffelkuchen waren Festessen. „Pieker“ sind ein altes Arme-Leute-Essen, das früher vor allem im Herbst und im Winter auf den Tisch kam. Man klebte – „pieken“ ist das plattdeutsche Wort für kleben – Kartoffelscheiben oder halbierte Kartoffeln an die Ofenkacheln. Waren sie gar, fielen sie in einen bereitgestellten Korb. In Lippoldsberg aß man zu den Piekern oft Griebenschmalz, Napfsülze, Heringe, Wurstreste oder einfach Butter und Salz. Im 20. Jahrhundert wurden Piekeressen in geselliger Runde beliebt, bei denen dann auch heftig dem Brennewein zugesprochen wurde. In Uslar und vielen Sollingdörfern verzehrt man die Pieker mit Zwiebeln und Mett. Nudeln, Reis und in jüngerer Zeit zahlreiche Fertiggerichte haben die traditionellen Kartoffelrezepte verdrängt. Als industriell vorproduzierte Fertiggerichte blieben die Erdäpfel jedoch auf dem Speiseplan: Püree, Puffer, Chips und vor allem Pommes erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit.
Die durstigen Lippoldsberger, als sie noch Brennewein tranken…
Bis ins 19. Jahrhundert hinein löschten die Lippoldsberger ihren Durst mit Bier und Korn aus dem eigenen Ort. Bier produzierten die beiden Braugenossenschaften, Branntwein bis zu zehn staatlich lizensierte Schnapsbrenner. Die Herstellung von billigem Kartoffelschnaps veränderte seit 1805 für lange Zeit den Alkoholkonsum. Solange der Branntwein aus teurem Korn produziert wurde, hielten sich Produktion und Verbrauch in engen Grenzen. Spätestens seit den 1820er Jahren, seitdem die Klosterdomäne eine eigene Destille eingerichtet hatte, wurde der günstige Brennewein das Lieblingsgetränk der meisten Männer und einiger Frauen. Schwerarbeiter wie Glasmacher, Steinhauer und Holzfäller tranken bis zu einem Liter Hochprozentigen am Tag. Im hannoverschen Armenhaus Solling brannten Destillen in Uslar, Verliehausen, Reitliehausen, Dassel, Güntersen und Lippoldsberg. Im Solling und im Wesertal erfreute sich der „Ziegenbüscher“, der auf dem Gut Reitliehausen bei Uslar gebrannt wurde, lange Zeit einer großen Beliebtheit. Diese Destille besaß ein „gemischtes Brennrecht“. Neben 10.000 Litern Korn stellt sie bis zu 30.000 Liter Kartoffelschnaps im Jahr her. Die Kartoffeln stammten aus der Landwirtschaft des Gutes. Durstige Männer aus den Weserdörfern marschierten lange Zeit mit ihren Branntweinkannen auf dem so genannten Schnapsweg von Bodenfelde über den Buchenberg und kauften ihre Droge direkt vom Erzeuger. Nach der mündlichen Überlieferung fanden viele von ihnen den Rückweg nicht. Die Alkoholabhängigkeit vieler Menschen war ein gutes Geschäft für die Destillen. Der Alkoholgenuss war zeitweilig derartig verbreitet, dass oft die ersten Säcke der Kartoffelernte in den Brennereien gegen Branntwein eingetauscht wurden. Allein in der Uslarer Gegend gab es vor einhundert Jahren sieben.
Eine Seuche unter den Kartoffeln, die „Kartoffelpest“ und der Kartoffelkäfer
Da die Kartoffel um die Mitte des 19. Jahrhunderts in großen Teilen Europas das wichtigste Grundnahrungsmittel war, hatten Missernten verheerende Folgen. In den Jahren 1845 bis 1849 führte die Kartoffelfäule, im Volksmund auch „Kartoffelpest“ genannt, zu miserablen Ernteergebnissen und Hungerkrisen. In Irland verhungerten damals mehr als eine Million Menschen. Auch in den deutschen Anbaugebieten Rheinpfalz, Württemberg und Oberschlesien im Weserbergland litten die Armen große Not. Auch in Lippoldsberg verfaulten die meisten Kartoffeln auf den Feldern. Man erntete damals auf einem Morgen Land lediglich einen Sack Kartoffeln, die klein wie Haselnüsse waren. Wer Geld für die Überfahrt hatte, wanderte nach Amerika aus. In den 1940er und 1950er Jahren gefährdete der Colorado- oder Kartoffelkäfer die Ernten. Erstmals stellte man ihn 1938 am Rhein fest. Im Sommer 1939 fanden erste Sammelaktionen im Solling statt. So suchten am 21. Juni 1939 100 Männer und Frauen (5 Kolonnen zu je 20 Personen) in der Bollenser Feldmark nach den Käfern und fanden nicht einen einzigen. In den 1940er Jahren wurde der gelb-schwarze Käfer, dessen Larven Blätter und Stängel fressen, bei uns heimisch und beeinträchtigte die Ernte. Zeitweilig entfachte die Presse des „Dritten Reiches“ eine Kartoffelkäfer-Hysterie. Durch den massiven Einsatz von chemischen Unkrautvernichtungsmitteln konnte der Käfer in den 1950er Jahren fast ausgerottet werden.

